Bild um 1950                                                                                                                                                        Originalillustration aus Wilhelm Busch’s Max und Moritz

 

Fritz Lämmerer: Die Maikäfer von Donauwörth, in: Leo Fischer, Schwäbische Sagen und Geschichten, 2. Auflage, S. 106f, 1922

 

Die Maikäfer von Donauwörth

Maikäfer geraten nicht alle Jahre, aber wenn schon, dann in Menge und sie fragen sich dann wahrlich nicht, wem sie um die Ohren schwirren dürfen. Haben sie es nicht im Jahre 1481 dem Bischof von Chur so toll gemacht, daß er sie allesamt in ein ödes Tal Graubündens verbannte – wenn auch nicht verbürgt ist, daß sie hingeflogen sind. Und haben sie nicht in Charlottenburg den Gärten des Königs von Preußen so zugesetzt, daß man die Berliner Garde dorthin befehligte um sie von den Bäumen zu schütteln, weswegen bis in die jüngste Zeit hinein die Gardesoldaten „Maikäfer“ geheißen wurden.

War also nur in der Ordnung, daß die braunen Fresser einmal auch die schwäbische Donauniederung gar grausam heimsuchten, insbesondere das freundliche Städtchen Donauwörth, allwo sie sich an den vielen Obstbäumen gütlich tun konnten. Um nun die Landplage mit Stumpf und Stiel auszurotten, pflogen die Bürger von Donauwörth im schönen Maien Rats, wie man den Käfern für alle Zeiten das Wiederkommen verleiden könnte. Da meinte ein ganz Alter, der noch immer in der Bubenhaut steckte, man solle die Maikäfer mit Körben und Eimern sammeln und den Hennen zum Fraße vorwerfen, wie man es bisher auch getrieben habe. Und ein anderer Graubert ließ sich also vernehmen, man solle die eingeheimsten Fresser in ein Schaff siedendes Wasser schütten. Das Mittel habe allezeit gefruchtet.

„Ei ja, der geht auch noch in den Kinderschuhen!“ spotteten die Jungen, die auch im Rate saßen. Sie hatten es schon lange satt bekommen, in der Gemeinde bis jetzt allezeit nur die Ohren brauchen zu dürfen und das Maul halten zu müssen. Und also fiedelten sie dem geschwätzigen Alten einmal ihr Weisheitslied vor und sprachen Maikäfersterben durch Hühner und durch Wasser sei längstens aus der Mode. Man solle sich doch nicht auslachen lassen. Das einzige Wahre sei das Feuer, womit allein man den Luderkäfern gründlich den Garaus machen könne. Und deshalb schlügen sie vor, auf dem Marktplatz ein Feuerlein anzuzünden und die Schädlinge zu verbrennen. Dabei können man sich obendrein an dem Gebrumme der bratenden Bösewichter auch noch ergötzen. Dieser Weisheit der Jungen stimmten die Alten zu und sprachen ganz bescheiden, sie hätten jederzeit es mit jenem alten Weib gehalten drunten auf dem „Ried“, das gesagt habe, man sei niemals alt genug zum Lernen – und dann habe sie noch das Hexen gelernt.

Am nächsten Morgen in der Frühe, als die Maikäfer von ihrer nächtlichen Mahlzeit noch faul und der Morgenkühle noch starr waren, schüttelte man sie von den Bäumen und trug sie in Körben, Kufen und Kisten übervoll heim auf den Marktplatz, allwo ein angezündeter Holzstoß bereits eine gelinde Wärme verbreitete. Alle Behälter wurden auf den Holzstoß entleert, so daß ihn ein ansehnlicher Maikäferhaufen bedeckte. Allmählich in der Wärme wich von den Käfern die Gliederstarre und sie dachten sich: „Wärme ist das halbe Futter.“ Dann spreizten sie die Flügel, zählten mit den Flügeln und fingen an zu brummen: „Da geht’s nun denn doch zu warm her!“ und – brr! – summte der ganze Schwarm den Donauwörthern um die lang gewordenen Gesichter und flog auf und davon, hinaus zur fetten Weide in die Obstgärten.

Seitdem werden die Donauwörther als „Maikäfer“ geneckt. Aber sie nehmen Schelmensage und Spitzname nicht übel. Denn die Dummheit komme überall fort, pflegen sie zu sagen.

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