Wiedergabe eines Beitrags im Donauwörther Anzeiger vom 07.07. und 08.07.1920:

 

Eine Viehseuche im ehemaligen Spitalhof zu Donauwörth und ihre Bekämpfung.
Nach Aufzeichnungen in den alten Spitalrechnungen bearbeitet von Bibliothekar J. Traber, städt. Archivar.

Das hiesige Bürgerspital besaß ehemals eine ansehnliche Oekonomie, den sogenannten Spitalhof. Zu demselben gehörte das Haus Nr. 8 in der Kapellgasse (jetzt Herrn Ferdinand Straulino gehörig), sowie 85 Tagwerk Aecker, 64 Tagwerk Wiesen, 19 Krautbeete und 126 Tagwerk Waldungen.

Von 1730 an grassierte nun in unserer Gegend eine Reihe von Jahren hindurch eine Viehseuche, die viele Opfer erforderte und von der auch der Spitalhof betroffen wurde. Alle natürlichen und übernatürlichen Mittel, die man dagegen anwendete, blieben einstweilen erfolglos. Dem frommen Sinne der Zeit entsprechend griff man zuerst nach geistlichen Mitteln und so verzeichnet denn die Spitalrechnung vom Jahre 1730 unter dem 27. Mai: „Weilen heur an der besen Sucht sehr viel Küevich in diser gegent crepirt, hat man vor [für] selbes (?!!) 3 heyl. Messen lesen lassen, worfür bezahlt 1 fl. 30 kr.“

Einige Wochen später, nämlich am 24. Juni, wurde dann „wegen der yblen, sehr starkh und lang anhaltenten Sucht unter dem Vich, dessen schon derohrten gar villes crepiret, von seithen alhiesiger Statt auß dem Hochlöblichen Reichs-Stüfft und Closter Elchingen [bei Ulm] der berühmte geostliche Herr Pater Narcisius alhero berueffen und erbetten“, damit derselbe „die herdten-Vich, Waidten, Wasser und Ställ Benediciren möchte.“ „Wegen solcher Verrichtung im Spitalhof“ wurde dem Vater ein Dukaten 4fl. 40 kr. verehrt. Ferner bezahlte man einem Weib, das „allerlei Kreuther zum Weyhen“ gesammelt hatte, 12 Kreuzer. Gleich darauf vernehmen wir dann, daß man „dem Scharfrichter und zugleich Waasenmeister“ für das Abziehen der Haut „von einem crepierten Füll“ [Füllen] 15 Kreuzer als Gebühr entrichtete. In demselben Jahre kam aber noch ein uraltes Zauber- und Volks-Heilmittel zur Anwendung, indem für das „Küevich“ Knoblauch erkauft wurde, wofür man einmal 25, dann 15 Kreuzer verausgabte.

Am 2. Mai des nächsten Jahres (1731) erhielt der Spengler „vor ein blechenes Rohr, so zum einschütten der Arzney [bei denen kranckhen Pferden gebraucht würdet“, 18 Kreuzer, und „denen P.P. Capucinis“ wurden „vomb bey s. Leonhard gelesene 2 H. Messen vor das Vich wegen abwendtung der unter selbem graßierenten besen Kranckheit“ bezahlt „samt deß Mösners gebühr 1 fl. 8 kr.“
Dann findet sich unterm 25. Juni eine Ausgabe von 1 fl. 55 kr. für 2 1/2 Pfd. „Stein- und Scorpionöhl.“ Letzteres galt als ein Mittel für die Sucht der Kühe.[1] Es erwies sich jedoch alles umsonst. Anschließend an die eben mitgeteilten Einträge verzeichnet nämlich die Spitalrechnung: „Dem alhiesigen Scharpfrichter und Waasenmeister Joh. Michael Fanner (Fahner) von denen am 31. Merz, 12. April und 18. Juny an der Mülzsucht crepierten 3 Pferdten sein gebühr solche abzuziehen, außzuführen und aufzumachen, laut 3er schein bezahlt 3 fl. 9 kr.“

In jener abergläubischen Zeit glaubte man, das Vieh sei verhext oder verzaubert worden und wir lesen daher in deer Spitlrechnung, daß am 8. Juli an „Johann Michael Rindtfleisch, Bständtnern [d. i. Pächter] uffm Galgenhof[2], welcher in allen Vichställen im Spitalhof, weil sonnderlich an Pferdten das unglickh sehr yberhand genommen, mit einbohren und Räuchern vor bese Nachstellungen bewehrte Mittel“ gebrauchte, „nach sag seiner Bscheinung“ der ansehnliche Betrag von 9 fl. ausbezahlt wurde. Aber schon am 28. desselben Monats  erhilet der Wasenmeister „wegen eines crepierten Pferdts“ sein „Deputat“ [Anteil] mit 1 fl. 6 kr.

Nun versicherte der Scharfrichter Joh. Michael Fanner selbst alle Viehställe im Spitalhof „und das ganze Hauß wider die Zauberey“, wofür er 15 fl. Berechnete. Bereits am 18. August und am 5. September mußte ihm jedoch „wegen eines jährigen Füll, so uff der Weidt crepiert, und des verreckhten Oxens auszuführen und abzuziehen“ der Lohn von 1 fl. 42 kr. entrichtet werden. Mittlerweile hatte man wieder zu den übernatürlichen Mitteln Zuflucht genommen und am 26. Aug. „wegen bey St. Leonhard, St. Wendelin und uffm Calvari-Berg gelesener 3 heyl. Messen umb abwendung der gefährlich und besen Viehsuchten bezahlt 1 fl. und 30 kr.“

Da die bisher gegen die Viehseuche angewendeten Mittel erfolglos blieben, so dachte man endlich daran, einen Tierarzt zu konsultieren. Die Tierarzneikunst wurde nun in früheren zeiten, außer von Scharfrichtern und Wasenmeistern, hauptsächlich von den Schmieden ausgeübt. In besonderem Rufe stand damals hier der Schmied von Fleinheim[3]. Am 9. Oktober 1731 wurde er wegen „der schon vil diß Jahr crepierten Pferdten halber“ hierher berufen, auf daß er „mit seiner Landtkündigen guten Wissenschaft und bewehrten Mittlen Vorsehung“ tue. Für seine Bemühungen erhielt er 4 fl. Und „für essen und Trünckhen“ wurde ihm noch extra 1 fl. gegeben.
Doch schon am 12. Oktober hatte der Scharfrichter durch seinen Knecht „wieder ein crepiertes Pferdt außziehen lassen“.

In den Wintermonaten scheint die Seuche jeweils nachgelassen zu haben und erst im Frühjahre trat sie wieder stärker auf. „Weil eine böse Krankheit unter dem Vich verspürt worden, welches Blattern auf der Zung bekhommen, so hat man umb abwendung derselben 3 hl. Messen lesen lassen“, ist in der Spitalrechnung von 1732 am Beginne der Rubrik „Allerlei gemeine Außgaben“ zu lesen. Bald danach, am 18. März erhält dann der Scharfrichter Fanner, „so ein crepiertes 6jähriges Ross abziehen und aufmachen lassen“, wieder sein „Deputat“ mit 1 fl. 6 kr. Nun wurde am 26. Desselben Monats „abermals der berühmte Schidt und Rossarzt von Flein umb vor das Vich und Befreyung von erwehnter Sucht alhero berueffen und ihme vor solche seine mühe und Zöhrung bezahlt“ 4 fl. 52 kr. Seine Kur scheint ohne Erfolg geblieben zu sein, denn am 10. Oktober mußte dem Scharfrichter Fanner, „welcher durch sein Knecht die verröckhte braune Stuett [Stute] abziehen und aufschneiden lassen,“ neuerdings „das gewohnliche deputat entricht“ werden. Man wandte sich jetzt an den Schmied Georg Mayr von Huisheim, dem man für die beim Spital erkrankten Rosse verabreichte Arznei 2 fl. 30 kr. bezahlte. Weiters erhielt derselbe „für deine 3tägige mühe und Versaumbnuß, auch verwendter Mittlen zu Versicherung der Ställen, an [den] verlangten 12 fl. Bezahlt 8 fl.“ 39 Kreuzer 6 Heller waren dem Baumeister des Spitalhofs für „essen und Trünckhen“ zu ersetzen, die er für den Schmid ausgelegt hatte. Schon am 27. Oktober empfing jedoch der Scharfrichter wieder sein „Deputat“ für ein altes krepiertes Roß. In diesem Jahre wurde dann nur noch der „Frauen Ephrosina Stiglerin um Campher, Teuffelskoth und Terpetinöhl“ 2 fl. 44 kr. bezahlt.

Im Jahre 1733 scheint die Seuche milder aufgetreten zu sein, denn an darauf bezüglichen Ausgaben finden wir nur 1 fl. Für 2 Pfund Stein- und „6 Gläßl Terpetinöhl“, die man von einem Materialisten für das Vieh erkaufte, sowie 1 fl. 2 kr. „in die Apodeckhen vor Medicamenten dem Vich.“

Aus dem folgenden jahre vernehmen wir zunächst bloß, daß am 8. April dem Scharfrichter Fanner für ein krepiertes Pferd, das er durch seinen Knecht wegführen ließ, das „Deputat“ entrichtet wurde. Am 10. August aber bezahlte man dem Schmied Georg Mayr von Huisheim „wegen angewendter Mittel mit Versicherung der Schweinställ, weil die jungen Schweinlein nach dem Schnitt jedesmahl den Durchbruch bekommen und krepiert, accordiertermassen“ 7 fl. Und für „dessen Zöhrung“ 20 Kreuzer. Zugleich hatte auch der Scharfrichter für ein „verreckhtes Füll“ wieder seine Gebühr im Betrage von 21 Kreuzer erhalten. Des weitern erhielt der genannte Schmied am 23. Oktober „vor Pulver“ für die Pferde 1 Gulden und ferner für das Einbohren im Schweinstall 15 Kreuzer. Die frühere Versicherung gegen die verzauberung hatte sich also noch nicht kräftig genug erwiesen. Am 13. Dezember kaufte man dann „vor die Rosß und das Küevich“ 73 Pfund Enzian, das Pfund zu 4 ½ Kreuzer, und am 10. März des nächsten Jahres wird laut der Spitalrechnung 1 Gulden ausgegeben für „1Bixen [Büchse] Medritat[4] dem Ross- und Küevich.“

Im Sommer des Jahres 1735 hatte die Viehseuche wieder stärker um sich gegriffen, weshalb dem Kuhhirten für seine während dieser Zeit gehabte Bemühung 1 Gulden ausbezahlt wurde. Am 23. Oktober erhielten die Kapuziner, die wegen „der unterm Vich graßierenden Kranckheiten halber,“ drei hl. Messen bei St. Leonhard gelesen hatten, das gewöhnliche Stipendium mit 1 fl. 30 kr.

Die Seuche forderte jedoch weitere Opfer. Am 7. November, sowie am 24. Dezember 1735 und dann am 26. Januar 1736 krepierte je eine Kuh. Als Mittel gegen die Seuche kam zunächst wieder Enzian in Anwendung, wovon man am 27. November 1735 36 Pfund und am 26. Januar 1736 30 Pfund einkaufte. Man ging überhaupt nun energich vor wie die Spitalrechnung ersehen läßt, wo man liest: „Wegen des vorgewesten starckhen Vichfalls wurde nach des Vicharzten einrathen verschidene Mittl gebraucht und bezalt, als nemblichen:

Den 20. Februar in alhiesiger Apodeggen, lauth Zetls                              4 fl. 40 kr.

Den 24. Dito umb Baumöhl, Pulver und Schwebel, crafft Zetls                5 fl. 26 kr.

Den 5. Marty [März] Joseph Blatter, Schweizern in Buchdorff, welcher dem Küevich in 11 Wochen allerhandt Artzney-Mittel angewendt und verbraucht, [ferner] an Fleisch und Bier, so er verzöhrt, innhalt Zetls bezahlt                                                               7 fl.

Der 23. May gedachten Joseph Blattner umb dem Vich hergegebene Artzey-Mittl, auch seine Bemühung, vermög scheins zalt                                                               22 fl. 30 kr.“

Trotz aller dieser Bemühungen mußte am 30. Juni dem Scharfrichter Fanner „wegen hinwegfüehr- und ausziehung einer auf der Waidt crepierten Kue“ wieder sein „Deputat“ von 1 fl. 6 kr. entrichtet werden.

Aus der zweiten Hälfte des Jahres 1736 finden sich in der Spitalrechnung keine Einträge hinsichtlich der Viehseuche und letztere scheint also zeitweise erloschen gewesen zu sein. Erst am 26. Januar 1737 wurde „zu einer kranckhen Kue umb Terpetinöhl“ 15 Kreuzer ausgelegt und „dem Schmidt Fronhofer, welcher dass Rosß, so ein 2jähriger Hengst [gewesen], curiert, vor seine gäng, auch umb Bier bezalt 47 Kreuzer.“

In diesem Jahre waren es überhaupt zunächst die Pferde, die unter der Seuche zu leiden hatten und man hielt wieder Zauberei als Ursache der Krankheit. In der Spitalrechnung ist deshalb auch zu lesen, daß am 20. April der Roßarzt Georg Mayer von Wemding[5] „eim kranckhen Rosß, welches von besen Leuthen verzaubert gewest, einen Trunckh eingeben, auch Ader gelassen“ habe, wobei er „seine Mühe, Rittgeld und verbrauchte Artzney“ 3 fl. 51 kr. erhielt. Die Seuche forderte bald wieder ein Opfer, indem am 15. Juli ein 1 1/2jähriges Füllen krepierte. Nun verschaffte man sich in der Apotheke eine Arznei, die damals neben dem Mithridat als ebenso kräftiges Heilmittel galt, nämlich „1 Bixl Terriac“[6], wofür 15 Kreuzer ausgelegt wurden und zugleich kaufte man 1 Pfand „Schwebl“ (Schwefel) für die Pferde, der 8 Kreuzer kostete. Am Magdalenentag (22. Juli) aber zog man in Prozession nach Niederschönenfeld, wo „vor das Roß- und Küevich ein heyl. Mess gelesen“ wurde.

Diesmal scheint die Seuche im Spätherbst und Winter nochmals mit größerer Heftigkeit aufgetreten zu sein.  Am 6. Oktober hatte man 33 Pfund Enzian, „so dem Rosß- und Küevich wider die graßirnte Sucht gebraucht wirdt,“ gekauft und am 26. November abermals 25 Pfund. Gleichzeitig bezahlte man „Herrn Johann Ulrich Six, Apodeggern, vor Medicamenten zum erkranckhten Vich“ 1 fl. 54 kr. und am 22. Dezember „umb Aniß, Coriander, Gibß und Schwebel“ 50 Kreuzer. Dabei hatte man inzwischen wieder 1 fl. „vor 2 heyl. Messen bei S. Leonhard wegen des Vichs“ ausgelegt. Dasselbe geschah dann am 10. Juli 1738, „weill es mit dem Vich beim Spital anheur etwas müsslich [mißlich] ausgesehen.“ Im übrigen waren daselbst in diesem jahre die Tierheilkundigen mehr vom Glück begünstigt. Am 16. Oktober erhielt der Fahnenschmied Gregori Glassinger, der den „Fuxen beim Spittal“ kurierte, „vor seine Miewaltung“ 2 fl. Und „wegen einem zue gebrauchte Trünckh“ 1 fl. 30 kr. Ferner wurden dem „Georgen Mayer, Pferdearzten“ und Schmid zu „Wembding“, für drei kranke Pferde, die er kuriert hatte, 1 fl. 30 kr. bezahlt. Nur am 15. November mußten dem Scharfrichter Hans Michel Fahner für das Ausführen, Abziehen und Oeffnen eines krepierten Pferdes die Gebühr mit 1 fl. 6 kr. entrichtet werden. Die letzten Ausgabeposten für die Viehseuche sind in der Spitalrechnung unter dem 17. Dezember 1738 verzeichnet, wo für 34 Pfund Enzian „vor die Ross und das Küevich“ 2 fl. 33 kr. und dem Apotheker Johann Ulrich Six „vor Medicamenta zum erkranckhten Vich“ 44 Kreuzer bezahlt wurden. Nach neunjähriger Dauer erlosch endlich die Seuche.

 

[1] Vergl. Hovorka, Dr. O. v., und Kronfeld, Dr. A., Vergleichende Volksmedizin. (Stuttgart 1908) Bd. 1, 397. Ueber den Skorpion und das Skorpionöl in der Medizin und Pharmazie vergl. auch Peters, H., Aus pharmazeutischer Vorzeit. Neue Folge. Berlin 1889, S. 41 ff.

[2] Jetzt Kreuzhof

[3] Jetzt Flein, Weiler zur Gemeinde Eggelstetten gehörig.

[4] Mithridat. War eine Latwerge [breiförmiges Gemisch zum Auflecken], die als Universal-Heilmittel galt und aus 55 meist erhitzenden Ingredenzien dargestellt wurde. Sie wurde von Mithridates Eupator, König von Pontos erfunden. Vergl. hierüber Peters v. O. Bd. 1 (2. Aufl. Berlin 1891), S. 195f.

[5] Es ist dieß wohl der ehemalige Schmid von Huisheim, der schon 1732 zur Kurierung der Pferde und zur Versicherung der Ställe gegen Zauberei berufen wurde.

[6] Der Theriak war eine Verbesserung des Mithridat, die von Andromachos, einem Leibarzt des Kaisers Nero hergenommen sein soll. Derselbe vermehrte die Mischteile. Als Hauptsache fügte er Schlangenfleisch hinzu und gab angeblich nach der Schlange Tyrus seiner Latwerge den Namen Tyriak oder Theriak. Vergl. Peters a. d. O. Bd. 1 (2. Aufl. Berlin 1891) S. 196ff.    

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Quellen:

  • Stadtarchiv Donauwörth: Magazin III, Zeitungsbestand 1920
  • www.wikipedia.de