Erstmals veröffentlicht:

Seuffert, Ottmar: „Die Wallfahrtstradition der Maria-Schnee-Kapelle in Donauwörth“. In: Historischer Verein für Donauwörth und Umgebung (Hg.): Mitteilungen des Historischen Vereins für Donauwörth und Umgebung 2001. Donauwörth, 2002. S. 18-26.

 

Ottmar Seuffert – Die Wallfahrtstradition der Maria-Schnee-Kapelle in Donauwörth

Im Gedenken an die Opfer der Schlacht am Schellenberg, die am 2. Juli 1704 während des Spanischen Erbfolgekrieges unter hohen Verlusten aller beteiligten Nationen geschlagen worden war, hatte 1705 der Donauwörther Ratsherr Johann Schmid[1] in seinem Garten eine kleine Kapelle erbauen lassen. Dieses Grundstück lag zwischen der Donau und der Straße nach Zirgesheim. Man kann einen Zusammenhang mit der Pontonbrücke sehen, die für viele Schlachtteilnehmer zur Todesfalle wurde, als sie unter der Last des ungeordneten Rückzuges zusammenbrach, wobei viele Soldaten in der Donau ertranken. Da zudem im Bereich des Gartens viele Teilnehmer der Schlacht begraben wurden, war der Standort der Kapelle sicher kein Zufall. Der Name Maria-Schnee-Kapelle wurde wohl in Anlehnung an eine Kopie des Gnadenbildes der größten Marienkirche in Rom – Santa Maria Maggiore – gebildet, das in der gleichnamigen Kapelle an der Donau verehrt wurde.[2] Nach der Baulegende hatte Papst Liberius (352-366) in der umstrittenen Standortfrage auf dem Esquilin eine Kirche bauen lassen, wo am 5. August 352 n.Chr. Schnee gefallen sei.

 

Der erste Standort der Maria-Schnee-Kapelle 1705-1846

Der genaue Standort der 1711 bereits vergrößerten Maria-Schnee-Kapelle in Donauwörth ist aus dem Kaufvertrag bekannt, mit dem am 5. Juni 1845 die Witwe Eva Dietrich (1801-1862), Gastgeberin Zum Krebs in Donauwörth, u.a. an die königliche Eisenbahn-Kommission vom Maria-Schnee-Garten Plannummer Nr. 2187 b 0,08 Tagwerk abtrat. Ein Lageplan, der Bestandteil des Vertrages war, dokumentiert zweifelsfrei den ersten Standort dieser Maria-Schnee-Kapelle an der Donau.[3] Im Jahre 1792 hatte Andreas Dietrich (1756-1828), Gastwirt zum Rothen Krebs (1786-1822), den Garten samt der Kapelle käuflich erworben, die sein Sohn Aloys Dietrich (1792-1832) als Besitznachfolger im Jahre 1823 hatte erweitern lassen.[4]

Am 16. Juli 1823 hatte der Donauwörther Krebswirt (1822-1832) in Augsburg beim bischöflichen Ordinariat die Erlaubnis erwirkt, daß in dieser Kapelle im sogenannten Maria-Schnee-Garten jeweils am 5. August eine Messe gelesen werden durfte. Am 5. August des selben Jahres wurde diese Kapelle von Cölestin Königsdorfer (1756-1840), dem letzten Abt (1794-1803) des 1803 aufgehobenen Benediktinerklosters Hl. Kreuz in Donauwörth, geweiht.[5]

Bis 1846 – also 141 Jahre – hatte diese Maria-Schnee-Kapelle unweit des Gasthofes Krebs am Weg nach Zirgesheim gestanden. Beim Bau der Eisenbahnbrücke über die Donau gab der Grund und Boden unter der Kapelle nach, und sie stürzte in sich zusammen. In einer Bittschrift forderte die Eigentümerin Eva Dietrich von der zuständigen Eisenbahnbau-Kommission in  Nürnberg nach dem Verursacherprinzip den Wiederaufbau der Maria-Schnee-Kapelle auf Kosten der Eisenbahn. Denn der bis dahin alljährlich am 5. August unter großer Anteilnahme, auch von Auswärtigen, gefeierte Jahresgottesdienst, an den sich eine achttägige Andachtspraxis anschloß, brachte nicht nur Wallfahrer aus Stadt und Land nach Donauwörth, sondern auch in die Krebswirtschaft. Nicht zuletzt deshalb wünschte die Witwe Dietrich, daß die Kapelle unweit ihres bisherigen Standortes wieder in Ihrem Maria-Schnee-Garten errichtet und ihr, überlassen werden sollte. Deshalb hatte sie 1849 den städtischen Maurermeister Anton Wölfle Baupläne zeichnen lassen, die einen Wiederaufbau am ursprünglichen Standort in ihrem Baumgarten an der Donau vorsahen. Diese Pläne leitete Bürgermeister Franz Förg (1844-1875) namens des Magistrat der Stadt Donauwörth mit Schreiben vom 3. Januar 1850 an das königliche Landgericht weiter. Das Ratsgremium befürwortete das Bauvorhaben der Witwe unter Hinweis auf die in 141 Jahren gewachsene Tradition der Wallfahrt, die zwischen 1705 und 1846 lebendig gewesen war. Da es außer der Donau und dem öffentlichen Weg nach Zirgesheim keine Anrainer gab und das Bauvorhaben zudem außerhalb der Stadtgrenze und der Bebauungslinie läge, erwartete der Magistrat keine Einsprüche. Deshalb ging man auch von der Zustimmung des königlichen Landgerichtes Donauwörth aus.[6]

Am 18. Januar 1850 gab die königliche Bauinspektion die Pläne unbeanstandet zurück. Auch die königliche Regierung von Schwaben, Kammer des Innern, befürwortete den Bau der Kapelle am 12. Februar. Als aber am 22. März die Regierung von Schwaben und Augsburg, Kammer des Innern, die Meinung der Eisenbau-Bauinspektion einholte, meldete diese unter Berufung auf die Stellungnehme von Johann Erhard Hohenner, dem Leiter der königlichen Eisenbahnsektion in Donauwörth, Bedenken an. Nach dessen Ansicht würde – so der Inhalt seines Schreibens vom 16. April 1850 – der Bau der Kapelle künftig neben dem Landeplatz der Dampfschiffe im Anschluß an den Zirgesheimer Weg und nach der Auffahrt zum Schellenberg erbaut. Folglich müsse der Zugang zur Kapelle vom Bahnareal aus erfolgen. Der Bauplatz sei sehr beengt, denn die Entfernung vom Dietrich’schen Gartenhaus bis zum Bahneigentum betrage lediglich 16 Fuß. [7] Damit würde die Stufe am Eingang zur Kapelle und deren Vordach auf dem Bahngrund zur Ausführung kommen. Bei Gottesdiensten aber werde wegen der zahlreichen Gläubigen ein größerer Platz vor der Kapelle benötigt, weshalb schon aus sicherheitspolizeilichen Überlegungen heraus die Wahl eines anderen Bauplatzes ins Auge gefasst werden sollte, der am besten vom Eisenbahngelände weiter entfernt liegen sollte. Die General-Verwaltung der königlich-bayerischen Eisenbahnen in München machte sich diese Auffassung zu eigen und gab am 13. August 1850 bei der Eisenbahnkommission in München ihre Stellungnahme ab.: Der Bau an der geplanten Stelle müsse sowohl aus Rücksicht auf den Standpunkt der Eisenbahn-Betriebsdienste als auch im Hinblick auf die geplante Linie der Dampfschifffahrt zwischen Ulm und Regensburg[8], die ab dem Frühjahr 1851 regelmäßig verkehren werde, abgelehnt werden. Schließlich sei daran auch die Stadt Donauwörth führend beteiligt. Zu diesem Zwecke müsse der Schneegarten ohnehin angekauft werden, weil zweckmäßigerweise der Landplatz für die Dampfschiffahrtslinie unmittelbar neben dem Areal der Eisenbahn entstehen sollte. Folglich würde eine Kapelle an dieser Stelle den freien Handelsverkehr beeinträchtigen. Deshalb lege man Protest gegen den projektierten Kapellenbau ein. Am 6. Oktober 1850 schloß sich die königliche Regierung von Schwaben und Neuburg, Kammer des Innern, dieser Auffassung an. Man bat deshalb das Landgericht Donauwörth, der Witwe Eva Dietrich mitzuteilen, daß aus Gründen der Sicherheit der Bau der Kapelle an der von ihr gewünschten Stelle nicht erfolgen könnte.

Am 22. Oktober 1850 bat der Donauwörther Magistrat unter Hinweis auf das Verlangen der Witwe Dietrich das königliche Landgericht um Rückgabe des Bauplans.[9]

 

Verlegung und Neubau der Maria-Schnee-Kapelle in die Promenade 1853

Zwei Jahre später wurde die Witwe Dietrich dann erneut beim Stadtmagistrat vorstellig. Am 15. November 1852 wurde in Gegenwart von Bürgermeister Förg protokolliert, daß ihr Sohn, der Kaufmann Franz A. Dietrich, bereit sei, die Kapelle Maria Schnee in seinem Garten an der Promenade beim Weg, der zum Kalvarienberg führt, errichten zu lassen, da der Baumgarten Maria Schnee nicht mehr Eigentum seiner Mutter Eva sei. Die nun vorgelegten Pläne hatte der Donauwörther Maurermeister Georg Werner (1816-1901) der Ältere gezeichnet. Mit dem Bauabschluß – so die Witwe Dietrich – werde die Kapelle in das Eigentum ihres Sohnes Franz A. Dietrich übergehen, der nicht nur künftig die Baulast übernehme, sondern auch bereit war, die Kosten für den Jahresgottesdient zu tragen. Damit hatte die Kapelle nach achtjähriger Diskussion endlich ihren heutigen Standort in der Promenade gefunden.[10]

Am 5. Juli 1853 bat die Witwe Eva Dietrich den Stadtmagistrat, sich beim Ordinariat in Augsburg dafür zu verwenden, daß alljährlich am Tag Maria Schnee und bei besonderen Anlässen Gottesdienste in der neuen Kapelle gehalten werden könnten. Der Donauwörther Stadtpfarrer Cölestin Muff (1840-1868) teilte am gleichen Tag dem Magistrat der Stadt mit, daß er dieser neuen und in würdigem kirchlichen Stil erbauten Kapelle, die gegenüber dem Mangoldfelsen in gemessenem Abstand zur Eisenbahnlinie errichtet worden sei und zugleich am Weg zum vielbesuchten Kalvarienberg am Schellenberg liege, die kirchliche Weihe erteilen werde. Gleichzeitig zeigte er an, daß bei der bevorstehenden Weihe sich bei der Kapelle ein große Schar von Gläubigen einfinden würde. Da schon der verstorbene Aloys, Ehemann der Bauherrin Witwe Eva Dietrich, am 16. Juli 1823 beim Ordinariat in Augsburg die Erlaubnis eingeholt hatte, jeweils am 5. August in der Maria-Schnee-Kapelle eine heilige Messe lesen zu lassen, würde diese Praxis nun auf die neue Kapelle übertragen. Dagegen hatte der Magistrat der Stadt keine Einwände. Dies galt auch für das Eisenbahnamt, das weder gegen die Feier des Festes der heiligen Maria vom Schnee in der neugebauten Dietrichskapelle etwas einzuwenden hatte, noch gegen das Abhalten von Gottesdiensten bei besonderen Anlässen. Da die Kapelle jedoch am Weg zu jenem vom andächtigen Volk viel besuchten Kalvarienberg liege, bat man lediglich darum, daß bei Andachten oder Gottesdiensten die Termine der Stadt vorher mitgeteilt würden, damit die Stadtpolizei in der Nähe der Bahnlinie durch die Promenade nach dem Rechten sehen könne. Von Stadtpfarrer Muff[11] war am 2. August 1853 dem Magistrat der Stadt Donauwörth mitgeteilt worden, daß am 12. Juli 1853 das bischöfliche Ordinariat in Augsburg genehmigt habe, daß alljährlich am 5. August, also am Tag Maria ad nives, eine stille heilige Messe in der Kapelle gelesen werde. Zeitgleich sollten jedoch keine anderen Gottesdienste stattfinden. Er werde deshalb die Kapelle frühmorgens am 4. August weihen. Danach werde dann die erste heilige Messe in der neuen Maria-Schnee-Kapelle in der Promenade gelesen.

Im Jahre 1882 wurde die steinerne Treppe bei der Kapelle entfernt und stattdessen ein sanft ansteigender Weg angelegt. Damit wurde eine Zugangssituation geschaffen, die bis heute gegeben ist. 2001 wurde der Zaun beim Seniorenheim am Mangoldfelsen geöffnet und ein Weg angelegt, damit die Bewohner vom Areal des Seniorenheims aus einen direkten Zugang zur Kapelle haben.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts blieb die Kapelle längere Zeit geschlossen. Als die Kapelle Maria Schnee in der Promenade am 5. August 1926 nach gründlicher Renovierung wieder zugänglich wurde, war die neben dem Stadtpfarrer Johann Baptist Wurm (1924-1933) vor allem Franz Xaver Keller (1882-1951), dem Redakteur des Donauwörther Anzeigenblattes zu verdanken, der bis 1933 als Fraktionsvorsitzender der Bayerischen Volkspartei im Stadtrat (1925-1933) fungierte. Zur Feier des Tages brachte am Abend des 5. August 1926 deshalb der Männergesangverein “Harmonie“ unter Leitung von Obermusikmeister Leonhard Kleiber (1920-1929) Choralmusik zum Vortrag.

Immer noch findet ein Gottesdient jeweils am 5. August statt. Die Münsterpfarrei steht hier in einer Tradition, die – mit Unterbrechungen zwischen 1846 und 1853 – bis in das Jahr 1705 zurückreicht. Bemerkenswert bleibt, daß der Flurname Schneegarten vom ursprünglichen Standort der Kapelle in der Zirgesheimer Straße mit deren Verlegung in die Promenade 1853 an den Fuß des Kalvarienberges mitgewandert ist.[12]


[1]   Man beachte die zeitgleiche Stiftung des Kreuzaltars in der Gruftkapelle der Wallfahrtskirche zu Hl. Kreuz, bei der aus Dank zur Rettung der Stadt aus der Schlacht am Schellenberg der Donauwörther Bürgermeister Wolfgang Zehrl, der Bierbrauer Johann Bürkhardt und der Handelsmann Valentin Gordon ´federführend waren. Vgl. dazu Werner SCHIEDERMAIR. Die Altäre der Gruftkapelle, in: Werner SCHIEDERMAIR (Hrsg.), Heilig Kreuz in Donauwörth, Donauwörth 1987, S. 110ff. Zu den Schäden, die die Stadt in diesem Kriegsgeschehen genommen hat, vgl. Lore GROHSMANN, Geschichte der Stadt Donauwörth, Zweiter Band: Von 1618 bis zur Gegenwart, unter Mitarbeit von Othmar Schwarz, Donauwörth 2/2001, S. 30ff.

[2]   Dietrich HÖLLHUBER und Wolfgang KAUL, Wallfahrt und Volksfrömmigkeit in Bayern. Formen religiösen Brauchtums im heutigen Bayern: Wallfahrtsorte, Wallfahrtskirchen, Lourdesgrotten und Fatimaaltäre zwischen Altötting und Vierzehnheiligen, Wigratzbad und Konnersreuth, Nürnberg 1987, weisen S. 57 und 103 im Zusammenhang mit der Maria-Schnee-Verehrung auf eine Ingolstädter Variante des Gnadenbildes hin, deren Einfluß sich aber für Donauwörth bisher nicht nachweisen läßt.

[3] Christian KEPPELER, Vom Stationshof 1847 zum Verkehrsknotenpunkt von Nordschwaben, Donauwörth 1974, S. 198, mit Situationsplan über die von dem Anwesen der Gastwirts Witwe Eva Dietrich in Donauwörth zum Bau der K. Ludwig-Süd-Nord-Bahn am 4.Juni 1845 erworbenen Realitäten. Zum Abbruch der Kapelle, deren Größe und Wertansatz vgl. ebenda S. 63ff.

[4]  Zur Kapelle vgl. auch Christian KEPPELER, Der „Rothe Krebs“ in Donauwörth. Die Geschichte des Gasthofes seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Mitteilungen des Historischen Vereins für Donauwörth und Umgebung 1992, Donauwörth 1993, S. 77-92, dort S. 78f.

[5]  Anton STEICHELE, Das Bisthum Augsburg historisch und statistisch beschrieben, Band 3, Augsburg 1872, S. 780f., wertete nur die Überlieferung im Ordinariatsarchiv Augsburg aus, die hier um die Auswertung der Archivalien im Stadtarchiv ergänzt wird.

[6]  Stadtarchiv Donauwörth, M III/2 R 2 F 8 K 5 (13/7)

[7] Ein bayerischer Fuß sind 0,29186 Meter.  Vgl. KEPPELER (wie Anmerkung 3), S. 12.

[8] Vgl. dazu Christian KEPPELER, Donauwörth und die Dampfschiffahrt 1837-1874, in: Mitteilungen des Historischen Vereins für Donauwörth und Umgebung 1990, Donauwörth 1991, S. 64-72.

[9] Stadtarchiv Donauwörth, M III/2 R 2 F 8 K 5 (13/7).

[10]  Stadtarchiv Donauwörth, M IV/$ K 53 – D. Vgl. dazu Georg LIEPERT, Die Promenade. Das grüne Herz von Donauwörth, Donauwörth 1987, S. 148-158.

[11] Zu ihm vgl. Leonhard RUGEL, 150 Jahre Dominikanerinnenkloster St. Ursula 1839-1989, Donauwörth 1989, S. 35-40. Dort bes. S. 40.

[12] Stadtarchiv Donauwörth, M III/2 R 2 F 7 K 5 (13/8).