Auszüge aus: Woerl’s Reisehandbücher, Führer durch Donauwörth; Verlag von Leo Woerl, Würzburg 1886

mit eingefügten Links zu verschiedenen (nahezu) zeitgenössischen Ansichten.

(mehr historische Ansichten unter http://www.gustav-dinger.de/es-war-einmal-alteansichtskarten-und-fotos/)

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Donauwörth,

eine nach Einwohnerzahl – ca. 4000, darunter 3600 Katholiken und 400 Protestanten – und Flächeninhalt zwar nicht grosse, aber gleichwohl unmittelbare, d.h. der kgl. Kreisregierung direct unterstellte, und nicht minder wegen ihrer Verkehrslage – als Knotenpunkt von vier Eisenbahnen – wie wegen ihrer reichen Geschichte bedeutsame, vormalige freie Reichstadt mit, wenn auch vielfach alterthümlichen, doch freundlichen Häusern, hübschen, neu gepflasterten Strassen, darunter die schöne, breite Reichsstrasse, die sich vom gothischen, imposanten Rathhause (…) beiderseits  bergaufwärts zieht, ferner mit schönen Spaziergängen  und nahen großen Waldungen – der Stadtforst zählt ca. 3000 Tagwerk -, liegt, jedem Fremden schon bei der Einfahrt durch den grossen Gebäudecomplex des vormaligen Klosters hl. Kreuz (…) in die Augen fallend, in dem gemüthlichen Schwabenlande, in dem bayrischen Regierungsbezirk Schwaben und Neuburg, selbst ein strategisch wichtiger Punkt, zwischen den beiden grossen Festungen Ulm und Ingolstadt, am linken Ufer der vielbesungenen blauen Donau, deren Rücken seit der 1878 erfolgten Eröffnung der Donauthalbahn – Linie Regensburg-Ulm – leider keine Dampfschiffe mehr, hoffentlich in Bälde Kettenschiffe trägt, am Fusse des malerischen, von Andächtigen aus Nah und Fern vielbesuchten Calvarienberges (…) und des noch schöneren, von Fremden viel bestiegenen Schellenberg (…), der, einer der schönsten Punkte an der bayrischen Donau, eine entzückende Fernsicht, einen hübschen Ausblick, namentlich in das Wörnitzthal mit seinem sich durch grüne Wiesen in Schlangenwindungen ziehenden, und gerade bei Donauwörth in die Donau ergiessenden Wörnitzfluss bietet.
Abgesehen von dem unmittelbaren Magistrat ist die Stadt Sitz eines Bezirksamtes, eines Amtsgerichts, eines Landbauamts, eines Rentamts, eines Forstamts, eines Post- und Bahnamtes, eines Bezirksarztes, zweier Notare, eines Bezirksgeometers und eines Brandinspectors, auch einer Aufschlagseinnehmerei und eines Aichamtes.
Die Stadt hat sechs Kirchen – 5 katholische und 1 protestantische -, drei Pfarreien – die kath. Stadtpfarrei, die kath. Pfarrei hl. Kreuz und – seit 1881 – eine protestantische Pfarrei, welche aus dem seit 1860 bestehenden Vicariate hevorgegangen ist -, zwei Institute der Barmherzigen Schwestern und ein Frauen-Schulkloster. An Erziehungsanstalten bestehen eine Knabenschule, eine Mädchenklosterschule und eine protestantische Schule. Eine Lateinschule an Stelle der aufgehobenen Fortbildungsschule ist in der Errichtung begriffen.
Die Stadt besitzt Gasbeleuchtung – eine Seltenheit in kleineren Städten – und ein neues städtisches Wasserwerk mit ausgedehntem Rohrnetz und besonderen Feuerlöscheinrichtungen – 50 Hydranten.
Donauwörth ist in Folge günstiger Verkehrsverbindungen, die nur noch des Zuwachses der längst projectirten, den directen Verkehr von Süden nach Norden vermittelnden, international bedeutsamen, bei Erbauung des grossartigen Bahnhofes wohl schon mit vorgesehenen Treuchtlinger Linie bedürfen, eine immer belebte Stadt mit gewerbsamer Bevölkerung und mannigfachen grösseren gewerblichen und industriellen Etablissements, unter denen neben Sägmühlen, Pech-, Chocoladen- und Maschinenfabriken, Dampfbrauereien etc. die sehenswerthe grosse Buchdruckerei des katholischen Erziehungsvereins für Bayern von L. Auer – „Onkel Ludwig“ – mit ihrem in der ganzen Welt bekannten Verlage katholischer Zeitschriften Erwähnung verdient.
Mag auch der Glanz der alten Handelsstadt mit ihrem ausgedehnten Güterverkehr zu Wasser und zu Land in Folge veränderter Verkehrsverhältnisse erloschen sein, immerhin wird noch Handel getrieben, der von einem auf weite, reiche Umgebung ausgedehnten Absatzgebiete begünstigt und durch zahlreiche Märkte, durch Wochen-Victualien-Märkte und Wochen-Schrannen, durch von Händlern und Landleuten stark frequentirte Frühjahrs- und Herbst-Jahrmärkte, nicht zum mindesten aber durch den aussergewöhnlich stark frequentirten Monatsviehmarkt gehoben wird, der mit seinem Jahresumsatze von über 2 Millionen zu den grössten Viehmärkten Bayerns zählt.
Grössere Etablissements in der Nähe der Stadt sind die Drossbach’sche Spinnerei Bäumenheim und die Leinenfabrik von G. Kurtze im vormaligen Kloster, nunmehrigen Zuchthaus Kaisheim, in dem gegen 800 schwere Verbrecher die ihnen zuerkannte langjährige Freiheitsstrafe verbüssen.

 

Geschichtliches.

 

Aufenthalt.

Gasthöfe: Hotel Krebs (R. Kempter) und Hotel Goldener Becher (C. Lösch), beide an der Donaubrücke. Einfacher: Krone mit Brauerei, Goldene Traube, Hirsch, Engel.

Restaurationen: Bahnhofsrestauration, Café Schneider, Sommerrestauration auf dem Schellenberg, Krebskeller, Schusterkeller, Meerwirthskeller, Glockenkeller.

Café: Schneider, Sonnenstrasse.

Weinwirthschaften: Jos. Härpfer jun. und Zink’s Nachfolger (C. Görz), beide Reichsstrasse, J Romerio, Sonnenstrasse.

Brauereien:  Kronenbrauerei, Krebsbrauerei, Meerwirthsbrauerei,

Bäder: Warme: A. Geisselbrecht, Bahnhofstrasse.    Kalte: Donaubadanstalten am Weidenweg.

Gottesdienst: Katholischer: In der Stadtpfarrkirche täglich früh hl.Messe , an Sonn- und Feiertagen um 5 ½  und um 8 Uhr hl. Messe. Um 8 ½ Uhr Predigt und Hochamt. In der hl. Kreuzkirche täglich früh hl. Messe, an Sonn- und Feiertagen 7 Uhr hl. Messe, 10 Uhr Hochamt. Evangelischer: an Sonn- und Feiertagen.

 

Verkehrswesen.

 

Rundgang.

Von dem grossartigen, 1877 erbauten Bahnhof, in dem sich das Bahnamt, einschliesslich eines Ingenieur-Bezirks, sowie das Postamt befinden, gelangen wir durch die Neue Bahnhofstraße  an der Gasfabrik vorbei  zur äusseren Wörnitzbrücke und dieselbe, dann die Rieder-Vorstadt, hierauf die innere Wörnitzbrücke und die Spitalgasse mit dem Bürgerspital, in welchem barmherzige Schwestern thätig sind, passirend, zum Rathhausplatz. An demselben das imponirende, im gothischen Stil erbaute Rathhaus. Aus den Trümmern des 1308 abgetragenen Schlosses Werd  entstanden und schon 1337 durch Brand gänzlich zerstört, wurde es nach seiner Wiederherstellung späterhin 1501 erhöht und verschönert und 1527 mit einer großen Rathhausstube für die Stände des schwäbischen Bundes versehen, während in dem gegenüber befindlichen „Stadtzoll“ eine Trinkstube für die vertraulichen Zusammenkünfte  der Geschlechter errichtet ward. In der vom Rathhausplatz nach unten  sich hinziehenden Kapellstrasse liegt neben der Spitalkirche das ärarialische Rentamts- und Forstamtsgebäude. Gegen Schluss des vorigen Jahrhunderts als Commenthurei-Gebäude  des Deutsch-Herren-Ordens stattlich hergestellt, ward es mit dem Commenthurei-Besitze nach Auflösung des Reichsverbandes (1806) und damit des Ordens von Bayern als Staatsgut eingezogen. Der neben dem Rentamt befindliche Thurm führt heute noch die Bezeichnung „Deutschhausthurm“.
Von hier zieht sich in nordwestlicher Richtung die stattliche, breite Reichsstrasse hin. In derselben rechts das vormalige Bezirksgerichtsgebäude, jetzt – seit der 1879 erfolgten Verlegung des Collegialgerichts nach den nahen Neuburg – Sitz des Amtsgerichts und des Landbauamtes. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts im Besitze des nachhin noch zu erwähnenden Bürgermeisters Imhof, ward das schöne Gebäude , nachdem die Stadt bayrisch geworden, Wohnung der bayrischen Statthalter, Stadtcommandanten und Stadtpfleger, ging am Anfang des 19.Jahrhunderts in den Besitz der reichen und bekannten Kaufmannsfamilie Dellefant über. 1857 erwarb das Anwesen die Stadt, welche es unentgeltlich dem Staate zur Unterbringung des neu errichteten Bezirksgerichtes überliess. Bei dessen Aufhebung, richtig Verlegung, ist neuerdings die Stadtgemeinde Eigenthümerin des Anwesens geworden.  Dann folgt,  gleichfalls rechts, das sog. Tanzhaus, das z. Z. dem Handel, dem Gewerbe und der Belustigung diente, nun das Theater und die Knabenschule in sich birgt, übrigens auch durch Kaiser Maximilian I. eine gewisse historische Merkwürdigkeit erlangt hat.  Dieser, der wohlwollendste Schutzherr der Stadt, erfuhr hier bei Hl. Kreuz die Freuden-Nachricht von der Geburt eines Enkels, des nachmaligen Kaisers Karl V. Zur Feier dieses Ereignisses veranstalteten Bürgermeister und Rath dem Kaiser ein grossartiges Fest in dem eben prachtvoll vollendeten Tanzhause, so genannt nach dem oben befindlichen grossen Tanzsaale. Der Kaiser erschien in feierlicher Begleitung des ganzen kaiserlichen Hofes und eröffnete den glänzenden Festball mit der Gattin des damaligen Bürgermeisters Imhof. Die Erinnerung an dieses historisch denkwürdige Fest soll wach halten der an der Facade angebrachte „24. Februar 1500“. Dortselbst befindet sich auch das Stadtwappen, das ältere, 1191 von Kaiser Heinrich VI. dem zur Stadt „Schwäbischwörth“ erhobenen „Wörth“ verliehene (der 1 köpfige Adler mit dem Buchstaben H („Heinrich“) im Herzschilde), das jetzige, 1530 laut Wappenbrief im Stadt-Archiv von Kaiser Karl V. 1530 der Stadt verliehene (der doppelte Reichsadler mit der Kaiserkrone mit goldenem W („Wörth“) im blauen Herzschilde. Das Gebäude ist 1416 erbaut und wurde 1872 renovirt.
Weiter aufwärts links erhebt sich die Stadtpfarrkirche. Dieselbe, im gothischen Stil erbaut und kürzlich prachtvoll renovirt, enthält hübsche gothische Altäre und ein sehr kunstvolles gothisches Sakramentshäuschen. Sie ist ausserdem mit einem grossen Orgelwerk und mit herrlichen Glasfenstern versehen. Im Thurm ein durch die Grösse und den Schall der mächtigen „Pummerin“ weithin bekanntes Geläute. Am Ende der Reichsstrasse das „Fuggerhaus“ (vormaliges „Pfleghaus“, „Reichspflege“), jetzt Sitz des Bezirksamtes. 1505 für den kaiserl. Pfleger als Sitz, „dessen sich weder Ritter noch Grafen zu schämen hätten“, zum vollen Beifalle des Kaisers erbaut, wurde es 1536 von dem zum Reichspfleger bestellten Anton Fugger, dem lieben vertrauten Rathe Kaiser Karl’s V., dem ältesten des ebenso durch grossen Reichthum und Ansehen, wie Wohlthätigkeit ausgezeichneten weltbekannten Handelsfürsten-Geschlechts, beträchtlich erweitert, wonach dieses Gebäude – 1632 Hauptquartier des berühmten Schwedenkönigs Gustav Adolph – bis heute die Bezeichnung „Pfleghaus“, „Fuggerhaus“ führt. Vormals Landgerichtssitz ist es jetzt als Sitz des Bezirksamts und als Gefängnis bestimmt. Verschiedene herrliche Plafonds, dermalen die Räume des renovirten bayr. Ständehauses und National-Museums zierend, stammen aus dem „Fuggerhaus“. Von hier führt die Fortsetzung der Reichsstrasse, die hl. Kreuz-Gasse, zu den Gebäuden der ehemaligen Benedictiner-Abtei
Zum hl. Kreuz. In den Klosterräumen, bei der Säcularisation in den Besitz des fürstl. Hauses Oettingen-Wallerstein übergegangen, hat das Kassianeum, katholischer Erziehungsverein für Bayern, unter Leitung des Directors L. Auer mit seiner grossartigen Buchdruckerei, in der verschiedene Zeitschriften erscheinen, mit einer Bibliothek und einer permanenten Lehrmittelausstellung seinen nunmehr eigenthümlichen Sitz. Das Kloster war der Lieblingsaufenthalt des Kaisers Sigmund, der eine besondere Vorliebe und Sorgfalt für die Stadt an den Tag legte und hier öfters längere Zeit Hof hielt. Es war auch der Ausgangspunkt der welthistorisch gewordenen Prozession vom St. Markus-Tage 1606, die bekanntlich den 1. Anlass zum 30jährigen Kriege gegeben (s. oben beim geschichtl. Theil das „Kreuz- und Fahnengefecht“). Die Nordseite des grossartigen Gebäudecomplexes bildet die
Hl. Kreuzkirche. Die im Renaissancestil erbaute Kirche, kürzlich trefflich restaurirt, bewahrt in der Gruftkapelle eine grosse Partikel des hl. Kreuzes, woher das Kloster den Namen trug. In Verbindung mit der Kirche steht die geschichtlich denkwürdige Brabantercapelle mit dem Sarkophag der unglücklichen Maria von Brabant (siehe Mangoldstein).

Diese, eine Tochter Heinrich’s des Grossmüthigen von Brabant, war die Gemahlin des Herzogs Ludwig des Strengen von Bayern. Derselbe liess seine Gemahlin im Jahre 1256 wegen schweren, aber ungerechten Verdachtes ehelicher Untreue auf dem nahen Mangoldstein enthaupten und deren Kammerfrau vom Schlossthurm stürzen. Bald nach der Schreckenthat erwies sich die Unschuld der Hingemordeten und zur Sühne stiftete der herzog das Kloster Fürstenfeld bei Bruck, woselbst er nach seinem 1294 erfolgten Tode begraben wurde.

Dem Tanzhaus vis-á-vis in der Schulstrasse, liegt das St. Ursula-Kloster, vormaliges Kloster, Kaisheim’sches Oberrichter-Haus, mit der von Dominikanerinnen geleiteten Mädchenklosterschule.
Im nördlichen Stadttheil, in der Berger- (auch oberen) Vorstadt, finden wir das städtische Krankenhaus, in welchem die Pflege der Kranken Barmherzigen Schwestern anvertraut ist. Diesem gegenüber steht die (1863 erbaute) Protestantische Kirche. Weiter oben der Friedhof mit der Gottesacker- (St. Johannes-) Kirche. (Durch das ganze Mittelalter umgab der Friedhof die Pfarrkirche.)

Auf der stattliche Neuen Promenade an der Ostseite der Stadt gelangen wir zum „Alten Bahnhof“, jetzt städtisches Besitzthum, am Einfluss der Wörnitz in die Donau, über die hier eine stattliche doppelgleisige Eisenbahnbrücke führt.
An der Nordseite der Stadt, am sog. „Graben“ an der Neuen Promenade erhebt sich der Mangoldstein, auf welchem ehemals die Burg Woerth stand, später „Mangoldstein“ genannt. Als castrum Wörth, 900 nach Christus erbaut, war es die Burg der reich begüterten, bei Kaiser und Reich in grosser Geltung stehenden „Manegolde“, der „Herren von Wird“, deren Erster 1027 von Konstantinopel die ihm vom griechischen Kaiser geschenkte Kreuzpartikel nach Donauwörth brachte und am 3. December 1049 Papst Leo IX. auf der von ihm erbauten, nach ihm benannten, Burg beherbergte und von Kaiser Konrad II. das von Kaiser Otto III. seinem Vater Aribo für Werd verliehene Markt- Münz- und Zollrecht bestätigt erhielt (s. o.). Die Kaiser Friedrich I. und Heinrich VI. sahen den mangoldstein als eine kaiserl. Pfalz an und hielten auf demselben öfters Hof. 1300 wurde das Schloss von Kaiser Albrecht zerstört und 1308 geschleift. (Die Trümmer wurden (s. o.) zum Rathhausbau verwendet.) Die Inschrift auf einer Tafel erzählt, dass hier die Enthauptung der unglücklichen Maria von Brabant stattfand. 1824 wurde an der Stelle ein Kreuz aufgerichtet. Die Trümmer der Burg wurden 1818 beim Abbruch der Stadtmauer beseitigt (s. hl. Kreuz).
Nicht weit von hier erhebt sich der Calvarienberg (s. o.), an dem der Weg zum aussichtsreichen Schellenberg (s. o.) und zur neuen Schiessstätte vorbeiführt.

 

Stadtplan  und Eisenbahnnetz

Spaziergänge in die Umgegend / Ausflüge