Erst im November 2013 erfolgte für das sog. Wagenknechthaus (Bild: 6. Haus von rechts) der Nachtrag in die Denkmalliste. Die Begründung lautete zu diesem Zeitpunkt, dass das Gebäude zu den wenigen Bürgerhäusern in der Reichsstraße gehöre, die von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs verschont geblieben sind. Anfang 2014 hat die Stadt den Eintrag befürwortend zur Kenntnis genommen.

Erst Ende 2015 wurde die vom Landesamt geforderte dendrochronologische Untersuchung zur Altersbestimmung durchgeführt – mit sensationellem Ergebnis! Demnach wurde das Gebäude Reichsstraße 12/12a   im Jahr 1317 erbaut und wäre damit, nach Angaben des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege (BLfD) nach heutigem Kenntnisstand das älteste noch erhaltene Bürgerhaus in Bayern. Ein ähnliches Alter weisen nach vorliegender Information noch vom Alter her vergleichbare Bürgerhäuser in Memmingen (Kalchstraße 45a/45b, dendro.dat. 1324  –  D-7-64-000-477) und in Weißenburg (Luitpoldstraße 5, dendro.dat. 1325 ) auf. Alle drei Gebäude sind Zeugnis reichsstädtischer Baukultur und weisen u.a.  eine überwiegend identische Dachstuhlkonstruktion auf.

Für die Untersuchung wurden an 3 Stellen im Dachstuhl Holzproben genommen, deren Ergebnis zu dieser Datierung führte. Wie bekannt wurde, ergab die Untersuchung,  dass  das datierte Holz im Winter 1316/17 geschlagen wurde und aus einer Höhe von 800 bis 1200 m NN stammt. Demnach handelt es sich wahrscheinlich um sogenanntes Flößerholz, das im Alpenraum geschlagen wurde und wohl über Iller (oder Lech) und Donau nach Donauwörth kam.

 

Und Donauwörth zu dieser Zeit?

Donauwörth war zu dieser Zeit nicht zuletzt durch die Lage an der Donau und dem Flussübergang für das Reich von erheblicher wirtschaftlicher und struktureller Bedeutung. So hatte die Stadt wahrscheinlich bereits seit dem 10. Jahrhundert und mit Sicherheit seit 1030 den Status einer privilegierten Marktstätte.

Im Jahr 1301 erfolgte die Rückeroberung Schwäbischwerds durch König Albrecht I. (reg. 1298 – 1308) und die Erlangung des Reichsstadtstatus. In der Folgezeit entfaltete sich in der Stadt eine rege Bautätigkeit. Die Straße von Riedlingen durch die Stadt nach Berg wurde ausgebaut, und auch die Geschichte der Schwäbischwerder Wasserleitung begann zu dieser Zeit. 1308 bekam der Rat der Stadt von König Albrecht die Erlaubnis, die Burg Mangoldstein, die seit 1301 nur noch eine Ruine war, abzutragen. Die Steine sollen u.a. für das Donauwörther Rathaus verwendet worden sein.

Die Jahre direkt bis 1317, dem Baujahr des Wagenknechthauses, waren dagegen sehr schwierige Jahre. Die Geschichtsbücher berichten vom „Großen Hunger“, der europaweiten Hungersnot von 1315 – 1317 mit langen, kalten und schneereichen Wintern, von anhaltendem bzw. sintflutartigem Regen und Überschwemmungen. Umso bemerkenswerter erscheint unter diesen ungünstigen Verhältnissen der Bau, eines für die damalige Zeit doch sehr stattlichen Bürgerhauses.

1323 nimmt der Wittelsbacher Ludwig der Bayer (römisch-deutscher König 1314-1347 / ab 1328 Kaiser) Abt Marquart von Hl.-Kreuz wegen seiner Verdienste als Kaplan an.

1330 Landfrieden mit Donauwörth

1340 Ludwig der Bayer verleiht der Stadt Donauwörth die volle Gerichtsbarkeit anlässlich vorangegangener Unruhen.

 

Und seit dem?

In den vergangenen 700 Jahren hat das Gebäude zahlreiche Kriege und Naturkatastrophen erlebt und überstanden, wie z.B.

  • 1606 und 1607 die Kreuz- und Fahnengefechte
  • 1632 die Eroberung der Stadt durch Gustav II. Adolf im 30-jährigen Krieg (1618-1648)
  • 1704 Im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) Einnahme der Stadt durch die Große Allianz nach der Schlacht am Schellenberg. Beim Abzug der Franzosen brannten nach der Überlieferung in der Stadt 48 Häuser, darunter auch das in der Nachbarschaft gelegene Haus zwischen Rathausgasse 2 (Scharfes Eck bzw. Alte Kanzlei) und Sonnenstraße 2 Kartenausschnitt Rathausgasse Mohrengasse
  • 1769 ein starkes Erdbeben der Intensität VII.
  • 1904 starkes Erdbeben der Intensität VI
  • die Bombardierungen 1945 im 2. Weltkrieg

 

Und heute?

Das 699 Jahre alte und damit älteste, derzeit bekannte Bürgerhaus Bayerns soll demnächst zusammen mit dem Café Engel abgerissen werden. Ihren Platz soll ein modernes Wohn- und Geschäftshaus mit historisierter Fassade einnehmen (siehe auch Beitrag „Der Abriss droht …“).

Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege spricht sich für einen Erhalt des Gebäudes aus und weist auf dessen Bedeutung aus denkmalpflegerischer Sicht nachdrücklich hin. Eine entsprechend auf Bedeutung und Zustand des Gebäudes bezogene Förderung für den Erhalt des auch baugeschichtlich bedeutenden Gebäudes wurde in Aussicht gestellt.

Dennoch hat der Bau-, Planungs- und Umweltausschuss (BPU) am 29.02.2016 den Abriss dieses historischen Gebäudes empfohlen und am 14.03.2016 vorbehaltlich der Abbruchgenehmigung durch die Untere Denkmalschutzbehörde (Stadt Donauwörth) dem Bauantrag Neubau „Stadtquartier Engelshof“ einstimmig zugestimmt.

Das Angebot des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege den „Fall  Wagenknechthaus“  im Gremium zu erläutern, wurde trotz entsprechendem Antrag vom 09.03.2016 nicht wahrgenommen.


 

Wagenknechthaus: Die laut RvS bestandskräftige Abbruchgenehmigung