PFEIL, MATHIAS (2017): Verlorene Vergangenheit. Rettungsversuche für ein 700-jähriges Baudenkmal in der Stadt Donauwörth. In: Denkmalpflege Informationen, Nr. 165, S. 6-9.

(mit freundlichem Einverständnis)

 

 

Verlorene Vergangenheit

Rettungsversuche für ein 700-jähriges Baudenkmal in der Stadt Donauwörth
 

Das nach einem früheren Eigentümer benannte, in der Reichsstraße 12 in Donauwörth stehende Haus ist eines der ältesten profanen Wohngebäude Bayerns. Nun wird es zu seinem 700-jährigen Geburtstag abgerissen. Der Ablauf dieses Verfahrens und der Versuch, das Gebäude doch noch zu retten, soll im Folgenden kurz umrissen werden.

Geschichtliche Situation

Donauwörth ist eine Große Kreisstadt im schwäbischen Landkreis Donau-Ries mit etwa 19000 Einwohnern. Die Altstadt liegt eingezwängt zwischen dem Fluss Wörnitz und dem Schellenberg. Schon um 500 gab es erste Siedlungskerne im heutigen Ried. 1301 wurde die Stadt Reichsstadt. Deren Besetzung durch Ludwig den Reichen von Bayern-Landshut war der Auslöser für den Bayerischen Krieg, im Jahre 1317 wurde das heute Wagenknechthaus genannte Gebäude, ein für die damalige Zeit sehr stattliches Wohnhaus mit drei Geschoßen, in der (heutigen) Reichsstraße 12 errichtet. Dieses kurz nach der Erhebung der Stadt zur Reichstadt errichtete Gebäude ist somit ein bedeutendes Zeugnis der Stadtgeschichte. 

   

1618 begann der Dreißigjährige Krieg – da war das  Wagenknechthaus bereits über 300 Jahre alt. 1632 wurde die Stadt Donauwörth von Gustav II. Adolf erobert, und mehrere Generationen später fand am 2. Juli 1704 bei Donauwörth die Schlacht am Schellenberg statt. Die Truppen der Großen Allianz besiegten die bayerische Armee, die Donaulinie wurde durchbrochen und das Kurfürstentum Bayern dem Zugriff der Alliierten preisgegeben. In der Folge verlor das zur bayerischen Landstadt degradierte Donauwörth seine Eigenständigkeit und die Hälfte seiner Einwohner. Die einstige Bevölkerungszahl wurde erst im 19. Jahrhundert wieder erreicht.
Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges erlitt die stadt am 11. und 19. April 1945 zwei Angriffe der 8. bzw. 9. US-Luftflotte. Fast 300 Tote waren zu beklagen, die Umgebung des Bahnhofes und das Stadtzentrum wurden fast vollständig eingeebnet – die Innenstadt war zu drei Vierteln zerstört. 1946 begann der Wiederaufbau der Reichsstraße, die nach wie vor das Kernstück der Stadt bildet. Diese war zu Zeiten des Heiligen Römischen Reiches Teil der Straße zwischen den Reichsstädten Nürnberg und Augsburg gewesen, heute ist sie Teil der Romantischen Straße. Sie wird gesäumt von bürgerlichen Giebelhäusern, von denen die meisten aber Teil des historisierenden Wiederaufbaus ab 1946 sind. Damals wollte man das „alte Bild“ der Stadt wiedererstehen lassen, man war sich des Wertes dieser Gebäude wohl bewusst. Das Haus Nr. 12 war eines der ganz wenigen Gebäude in dieser so bedeutenden Straße, das über Jahrhunderte hinweg nahezu unbeschädigt geblieben ist.

Bedeutung des Wagenknechthauses

Das Wagenknechthaus ist in der Denkmalliste mit der Beschreibung „Wohnhaus, dreigeschossiger, zur Straße giebelständiger Satteldachbau, oberstes Geschoss vorkragend, im Kern 1317 (dendro.dat.), später verändert“ eingetragen. Ferner befindet es sich innerhalb des Bodendenkmals „Mittelalterliche und frühneuzeitliche Befunde im Bereich der befestigten Kernstadt von Donauwörth“.
Die Dachkonstruktion des Wagenknechthauses von 1317 ist wohl der älteste bisher bekannte „Stehende Stuhl“ an einem Dachwerk in Bayern – eine bauhistorische Sensation.
Das bis vor nicht allzu langer Zeit noch als Geschäftshaus genutzte Gebäude befindet sich in städtebaulich bedeutender Lage an der Nordseite des östlichen Teils der Reichsstraße in der Nähe zum Rathaus. Allein schon wegen des außergewöhnlich hohen Altes verfügt das spätmittelalterliche Bürgerhaus über eine herausragende, überregionale Bedeutung. In der gesamten Haus- und Kulturlandschaft des südwestdeutschen Raums sind nur sehr wenige, annähernd vergleichbare Bauten aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts bekannt (Memmingen, Kalchstraße 45 und Weißenburg, Luitpoldstraße 5, beide nach 1320), keines jedoch in einer vergleichbar guten und vollständigen Erhaltung und keines in annähernd großen Dimensionen, sein Dachtragwerk ist eines der ältesten, wenn nicht sogar das älteste (bekannte) seiner Art in Bayern. Die Erhaltung dieses frühen, singulären Beispiels profaner Architektur des Spätmittelalters in Donauwörth ist umso erstaunlicher, als große Teile der historischen Stadt im April 1945 zerstört wurden und hier nur sehr wenige Profanbauten aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg, und kein einziges aus dem Spätmittelalter, bekannt waren.
Durch eine kürzlich durchgeführte Baudokumentation und -untersuchung des Wagenknechthauses wurden flächenhaft bauzeitliche Ausbaudetails festgestellt; insbesondere eine durch dendrochronologische Altersbestimmung nachweisbar bauzeitliche Bohlenbalkendecke des Jahres 1317, die älteste bekannte ihrer Art in Bayern.
Das Tragwerksgutachten vom August 2016 kommt zu dem Ergebnis, dass eine dauerhafte Sicherung und Herstellung der Standsicherheit durch zimmermannsmäßige Reparatur der Dachkonstruktion unter Beibehaltung des aus der Erbauungszeit stammenden Tragsystems möglich ist und ungefähr zwei Drittel der primären Konstruktion in der Substanz vollständig erhalten werden können. Aus denkmalfachlicher Sicht ist der Bestand daher zu erhalten. Der Erhaltungsaufwand, der die Voraussetzung für eine nachvollziehbare Prüfung der Zumutbarkeit und damit möglicher Förderungen gewesen wäre, konnte aber leider nicht mehr näher untersucht werden.

Chronologie eines Verfahrens

Im Herbst 2015 wurden die Planungen zum Abriss der Gebäude Reichsstraße 10, 12 und 12a zum ersten Mal öffentlich diskutiert, unmittelbar danach fanden Gespräche zwischen der Stadt und dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) statt. Ab April 2016 waren an diesen auch der Oberbürgermeister und der Generalkonservator beteiligt, als Beurteilungsgrundlage der von der Stadt vorgebrachten Einsturzgefährdung wurde einvernehmlich vereinbart, ein statisches Gutachten sowie eine bauhistorische Untersuchung erarbeiten zu lassen. Eine erste Behandlung des Themas im Landesdenkmalrat erfolgte ebenfalls im April 2016. Das im August vorliegende statische Gutachten kam zu dem Schluss, dass unmittelbare Einsturzgefährdung nicht gegeben sei, dennoch wurde noch im selben Monat von der Stadt Donauwörth die Abbruchgenehmigung für das Wagenknechthaus erteilt, einen Tag später der Neubau des Investorenprojektes genehmigt. Das BLfD, das bei dieser Abrissgenehmigung trotz der gutachterlich festgestellten grundsätzlichen Instandsetzungsfähigkeit nicht mehr beteiligt wurde, erhielt den Abbruchbescheid und die Neubaugenehmigung wenige Tage später per E-Mail zugestellt. Sofort nach deren Erhalt wandte sich das BLfD gegen den Abriss und bemängelte die Nicht-Beteiligung als Verfahrensfehler. Es forderte die Stadt auf, die Bedeutung des Baudenkmals entsprechend zu würdigen. Der Landesdenkmalrat wurde informiert.
Ende August 2016 bat das BLfD die Regierung von Schwaben als höhere  Denkmalschutzbehörde um rechtliche Prüfung des Falls. Kurz darauf, im September wurden die Gespräche zwischen der Stadt Donauwörth und dem BLfD auf der Ebene des Oberbürgermeisters und des Generalkonservators wieder aufgenommen. Der Oberbürgermeister teilte mit, er sei weder über den Abriss- noch den Neubaubescheid informiert gewesen, da er sich – wie fast alle Kolleginnen und Kollegen der Stadt und des BLfD – zu dieser Zeit im Urlaub befand. Der Bitte des BLfD, die Bescheide außer Vollzug zu setzen, kam die Stadt nicht nach.
Ende Oktober fand in der Regierung von Schwaben ein Gespräch mit dem Regierungspräsidenten, dem Oberbürgermeister und dem Generalkonservator statt, bei dem vereinbart wurde, das statische Gutachten vom August 2016 um weitere Aussagen zur Sanierungsfähigkeit und Belastbarkeit des Wagenknechthauses zu ergänzen.  Zeitgleich begannen in Donauwörth die Abbrucharbeiten am Gebäude Reichsstraße 10, des ehemaligen Cafés Engel, das ebenfalls Teil des Investorenvorhabens sein  sollte. Die „Engel Projektentwicklung GmbH & Co. KG“ möchte die denkmalgeschützten Häuser Reichsstraße 10 (Café Engel) und 12/12a (Wagenknechthaus) abreißen und im Erdgeschoss des über mehrere Parzellen reichenden Neubaus zwei Läden mit 190 und 235 m2 sowie eine Büroeinheit mit über 130 m2 errichten. In den oberen Etagen sind 18 Wohnungen mit Flächen von 77 bis 177m2 vorgesehen. Geplant sind zudem ein Innenhof für Belichtung und Belüftung sowie eine Tiefgarage mit 30 Stellplätzen, davon 20 als „Doppelparker“.
Über das Gespräch bei der Regierung konnte kein einvernehmliches Protokoll erstellt  werden, da sich die Stadt Donauwörth gegen die Aufnahme einer allgemeinen Formulierung des Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst vom 14. Januar 2014 in das Protokoll wehrte, nach welcher das BLfD als Denkmalfachbehörde „nach Vorliegen erweiterter Untersuchungsergebnisse“  (statisches Gutachten) im denkmalschutzrechtlichen Verfahren zu beteiligen sei und  diesem vor der endgültigen Abwägungsentscheidung der Unteren Denkmalschutzbehörden die Möglichkeit zur Abgabe seiner Stellungnahme eingeräumt werden muss. Bei der durch die Stadt Donauwörth erteilten Abrissgenehmigung des  „Wagenknechthauses“ erfolgte dies nicht.
Der Landesdenkmalrat beschäftigte sich ein zweites Mal mit dem Fall und sprach sich erneut gegen den von der Stadt Donauwörth verfolgten Abriss aus. In seinem Beschluss vom 4. November 2016 hieß es: „Das Gebäude Reichsstraße 12/12a, Donauwörth, ist erwiesenermaßen eine der ältesten Profanbauten Bayerns. Der baugeschichtliche Rang und der historische Zeugniswert des Gebäudes verlangen höchste Anstrengungen zum Erhalt des Bauwerks“. Der Landesdenkmalrat forderte die Stadt auf, „die herausgehobene Bedeutung des Baudenkmals [durch] sorgfältige und rücksichtsvolle Behandlung zu würdigen [und erwartet die] bislang unzureichend erscheinende Einbeziehung denkmalfachlicher Belange” in den Entscheidungsprozess mit einzubeziehen.
Anfang Dezember 2016 äußerte sich die Regierung nach rechtlicher Prüfung des Abrissbescheides als höhere Denkmalschutzbehörde und rügte zwar den formalen Ablauf des Verfahrens, folgte aber in weiten Teilen der Argumentation der Stadt. So sei von einer Sanierung durch den Eigentümer des Gebäudes nicht auszugehen, und andere Kauf- oderNutzungsinteressenten wären nicht in Sicht. Eine Nutzung des Gebäudes für Wohnen und gewerbliche Einheiten sei aufgrund zu geringer Raumhöhen  nicht möglich. Leider blieben konkrete Verkaufsabsichten ohne Nachweis, die vom BLfD angebotene kostenfreie Aufnahme des Wagenknechthauses in das Serviceangebot „Verkäufliche Denkmäler“ auf der Internetseite des BLfD erfolgte zu keinem Zeitpunkt. Die geringen Raumhöhen hätten durch Umbaumaßnahmen auf  aktuellen Stand gebracht werden können, Betoneinbauten wären leicht zu entfernen gewesen. Das statische Gutachten wurde nicht um ein Nutzungskonzept erweitert, auch fanden keine Gespräche zwischen Stadt, Investor und BLfD darüber statt, ob das Gebäude in ein Neubauprojekt hätte integriert werden können. Eine planerische  Überprüfung, ob das Wagenknechthaus auch heutigen Anforderungen standhalten  könnte, fand nie statt. Die Frage möglicher finanzieller Förderungen zum Erhalt des  Gebäudes konnte nicht diskutiert werden, da keine Zeit geblieben war, um die Berechnungsgrundlagen zu erarbeiten.

Aktuelle Situation

Das benachbart zum Wagenknechthaus gelegene Gebäude Reichsstraße 10 wurde inzwischen abgerissen, der Projektentwickler befindet sich zurzeit in Abstimmungsgesprächen mit der Stadt Donauwörth. Dabei geht es vor allem um das Thema Parkplätze, die mehrgeschossige Tiefgarage erscheint zu aufwendig, es wird überlegt, Stellplätze im Hinterhof anzulegen. Der Abriss des Wagenknechthauses soll demnächst erfolgen, der Neubau in den Sommermonaten des Jahres 2017 errichtet werden. Die Stadt möchte Teile des historischen Dachstuhls bergen und sie öffentlich ausstellen, so soll die Erinnerung an dieses Gebäude wach gehalten werden.

Fazit

Das Wagenknechthaus wird in diesem Jahr 700 Jahre alt – jetzt wird es abgerissen,  weil man sich eine Tiefgarage und „ebenerdige Verkaufsflächen“ wünscht.
Die Regierung von Schwaben monierte zwar Verfahrensfehler, der städtische Genehmigungsbescheid blieb aber davon unberührt. Das altehrwürdige Haus hat leider keine Chance mehr bekommen, zu belegen, dass es nach den Kriegen der letzten Jahrhunderte auch diese Krise hätte bewältigen können. Der zunächst besprochene Plan zumindest zu prüfen, ob die neue Nutzung und das alte Gebäude miteinander zu verbinden gewesen wären, wurde niemals ausgeführt. Auch das statische Gutachten, das die grundsätzliche Sanierungsfähigkeit bestätigte, wurde trotz der vom BLfD zugesagten Förderung nicht zu einer Nutzungsuntersuchung erweitert.
Vergleichbare Fälle gibt es mehrere und jedes Mal blutet mir das Herz, wenn jahrhundertealte Zeugen der Geschichte unnötig und ohne ernsthafte Chance, ihre Überlebensfähigkeit zu beweisen, verloren gehen. Das Wagenknechthaus, ein wichtiger  Zeuge bayerischer Geschichte, hat ausgedient. Jetzt zu seinem 700-jährigen Geburtstag, wird es abgerissen.

Mathias Pfeil
Generalkonservator

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