(Holzstich um 1865)                                                                                       

 

Bei der Ende 2015 vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege beauftragten dendrochronologische Untersuchung (Altersbestimmung) von Holzproben aus dem Dachstuhl des sog. Wagenknechthauses wurden für die Untersuchung wurden an 3 Stellen im Dachstuhl Holzproben genommen. Die Untersuchung ergab,  dass  das datierte Holz im Winter 1316/17 geschlagen wurde und aus einer Höhe von 800 bis 1200 m NN stammt. Es handelt sich demnach um sogenanntes Flößerholz, das im Allgäu geschlagen wurde und über die Iller oder Lech und Donau nach Donauwörth kam.
(Das Wagenknechthaus wurde 2017 ohne Einhaltung der verbindlich vorgegebenen Richtlinien des Denkmalschutzes abgerissen.)

 

 

Zum Thema Flößerei auf der Donau erschien im Donauwörther Anzeiger am 30.10.1924 nachstehender Beitrag von Joseph Bärtle aus Allmendingen:

 

Die Flößerei auf der Donau.

Als noch keine Eisenbahnen gebaut waren, sah sich die holzarme Gegend des Donauriedes auf die Flößer angewiesen, die Bauholz und Brennholz in großem Ausmaß auf dem Wasserwege herantransportierten. Sehnsuchtsvoll warteten oft die Zimmermeister und Bäckermeister, die Brauereibesitzer und Ziegeleibesitzer zu Leipheim und Günzburg, zu Gundelfingen und Lauingen, zu Dillingen, Höchstädt und Donauwörth auf die Ankunft der Flößer, welche aus dem holzreichen Allgäu kamen und nach glücklicher Landung das Stadtbild belebten und die Wirtschaften bevölkerten. Man erkannte die Flößer an den hellblauen Wolljacken, an den langen Wasserstiefeln, an der wasserdichten, verschließbaren Ledertasche, an dem Bohrer und zusammengerollten Seil auf der Schulter. Noch vor 20 Jahren konnte man auf der Eisenbahn Dillingen-Ulm und Ulm-Memmingen-Kempten an den Abenden regelmäßig diese auf der Heimfahrt befindlichen Flößergestalten beobachten.
Die Flößer, zumal die Kemptener Stadtflößer hatten Sinn in Hitze und Kälte abgehärteten Menschenschlag dar. Das waren unternehmenslustige, arbeitsfrohe Leute von geistiger Weite und Regsamkeit, und zugleich voller Witz und Humor. Ein gewaltiges Stück Arbeit erforderte schon das Einbinden eines Floßes. 30-40 Stämme wurden in das Wasser geworfen und unter benützung von Querstangen, gedrehten Weiden und birkenhölzernen Nägeln miteinander verbunden. Dieser Boden des Floßes wurde mit Langholz, Scheitern, Brettern oder Latten beladen. Beim Bodenlegen mußte darauf gesehen werden, daß die längsten Stämme in die Mitte kamen und die kürzeren an die Außenseite. Mancher Stamm war ungeschlacht, oben zu dünn und unten zu dick, mußte wie ein ungehobelter Naturbursche frisiert und zurechtgerichtet werden, bis er sich harmonisch einfügte in den Rahmen des Ganzen.
Die Flößer, zumal die Kemptener Stadtflößer hatten Sinn für „saubere Arbeit“. Wer bei einem Kemptener Floßherrn, bei einem Riedle oder Heinz oder Schnetzer gedient hatte, der konnte als Oberknecht überall gute Stellung erhalten. Beim Militär waren die Flößer als Pioniere namentlich zum Brückenschlagen sehr gesucht. Man wußte, daß sie keine Angst hatten vor der Berührung mit dem nassen Element. Nach Art der mittelalterlichen Zünfte legten die Kemptener Flößer Wert auf Pflege der Standeslehre und auf Weckung eines gesundes Standesbewußtseins. Durch ihre Kunst und Geschicklichkeit imponierten sie mit ihren Flößen allen Kollegen, die iller- und donauabwärts ihr Handwerk ausübten. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, daß die Kemptener Flößer zu Gundelfingen und Lauingen, zu Dillingen und Höchstädt ihren eigenen Stammtisch hatten. Im übrigen aber umschlang alle Flößer ein Gefühl der echten, hilfebereiten Kollegialität. Wer einem in Seenot schwebenden Kollegen nicht geholfen hätte, wäre sein Leben lang mit dem Kainsmale der Unehre gezeichnet gewesen.
Hatten die Flößer einmal ihre Stiefel unter dem Wirtstisch der Flößerherberge einer der genannten Donaustädte und hatten sie vor sich einen Stein urbayerischen Bieres und daneben eine dampfende Schüssel Sauerkraut und Schweinefleisch – sie waren weder Verächter eines leckeren Bissens noch eines guten Trunkes, was ihnen bei ihrer strengen Arbeit sehr wohl zu gönnen war – so fühlten sie sich entschädigt für die Mühen der gefährlichen Wasserfahrt und empfanden etwas wie eine Vorahnung von überweltlichen Freuden. Hatten so die Flößer so ihre Leiblichkeit restauriert und gemächlich das Pfeiflein angezündet, so tauten sie mehr und mehr auf, wurden gesellig und gesprächig. Die älteren Bürger unserer Donauwstädte können sich gewiß noch an die Berichte erinnern, welche die Flößer an den Abenden in den Wirtschaften von ihren Fahrten zu geben wußten.
Währen die Fahrt Ulm abwärts in der Regel ohne Schwierigkeiten von statten ging, war die Fahrt auf der rasch fließenden Iller schwieriger und gefährlicher, zumal zur Zeit der Schneeschmelze und des Hochwassers. Da erzählte ein Flößer aus dem württemberischen Allgäu, wie er mitten in dunkler Nacht mit seinen Floßknechten auf den Anmachplatz gegangen sei, um im Scheine der Sturmlaterne das Langholz landeinwärts zu schaffen, um es vor dem Fortschwimmen zu bewahren. Ein zweiter erzählte, wie er bei Hochwasser ein Fahrt angetreten habe, weil das Floß sonst fortgerissen worden wäre. Mit Schnellzugstempo sei es vorwärts gegangen. Auf einmal sei die bekannt niedrige alte Brücke von Dietenheim bei Illertissen aufgetaucht. Bange Minuten: Werden wir unten noch durchschlüpfen können, oder werden wir von der Brücke erdrückt oder ins Wasser gestreift werden? Wir mußten uns auf alles gefaßt machen und legten uns für alle Fälle auf den Boden des Floßes – bei einem um 10 Zentimeter höheren Wasserstand wären wir von der niedrigen Brücke ins Wasser gestreift worden, um in den Fluten ein nasses Grab zu finden. Ein dritter Flößer mag erzählt haben, wie sein Floß von dem Hochwasser an den Pfeiler einer Brücke geschleudert wurde, sodaß die einzelnen Stämme auseinandergerissen wurden und davonschwammen. Ein Vierter erzählt, wie er bei niederem Wasserstand bei Gundelfingen auf einen Felsen aufgefahren sei, sodaß das Floß stundenlang bewegungslos festgehangen sei. Was sei übrig geblieben, als mit seinen Floßknechten ins Wasser hineinzustehen – bis an die Schultern hinauf und das Floß auf die Seite zu heben und zu schieben. Ein fünfter mag gar erzählt haben, wie ihm in einem strengen Winter das Floß auf der Fahrt einmal festgefroren ist. Er habe mit der Weiterfahrt warten müssen bis Tauwetter eintrat.
Außen Langholz und Schnittholz beförderten die Flößer auch Hopfenstangen, die von Neuburg aus in die bekannte bayerische Hopfengegend (Spaltgegend) weiterbefördert wurden. Allgäuer Käslaibe wurden in Fässer verpackt und auf Flöße verladen. Als einmal ein derartig befrachtetes Floß an einem Felsen zerschellte, fielen die Käsefässer ins Wasser und versanken. In Fässer verpackte Schnecken wurden ebenfalls auf dem Wasserwege donauabwärts befördert bis nach Wien, um dort als Delikatesse verkauft zu werden. Bei einer solchen Fahrt kam es einmal vor, daß die eingedeckelten Schnecken wieder Leben bekamen und auskrochen, sodaß die ganze Ladung ins Wasser fiel. – Auch die Flößer selber schwebten bei ihren Fahrten stets in einer gewissen Lebensgefahr. Manche Flößerfrau betete am Abend mit ihren Kindern ein Vaterunser, um eine glückliche Rückkehr des Vaters. Auch die Flößer selber gingen nie ohne ein stilles Gebet an ihre Arbeit. (Ein Matrose betete als Nachtgebet: Herr laß mich nicht ersaufen! Amen.)
Mit der Umgestaltung der Verkehrsverhältnisse ist seit etwa 15 Jahren das Berufsflößertum auf der Donau in der Hauptsache verschwunden. Das war eine Welt für sich, eine Welt voll Wucht und Urwüchsigkeit, voll Wagemut und stiller Poesie. Wenn ich manchmal an der Donau stehe, so raunt sie immer mit ihrem besinnlichen, träumerischen Gemurmel etwas zu von den alten markigen Flößergestalten, die einst eine so große Rolle spielten und die für die heutige Generation eine unbekannte Welt darstellen. Drum wollte ich mit diesen schlichten Zeilen ein Stück romantischer Vergangenheit wieder aufleben lassen.


Zum Thema Flößerei siehe auch: