In den Jahren von 1900 bis 1903 gab es in Donauwörth ernsthafte Bestrebungen das Rieder Tor abzureissen. Mehrfach wurden in diesem Zeitraum von der Stadt Donauwörth entsprechende Anträge auf Abbrucherlaubnis gestellt. Begründet wurden diese Anträge mit dem Bestreben nach einem besseren Verkehrsfluss, aber auch mit einer notwendigen Erneuerung der Brücke, die „unzertrennlich mit der Beseitigung des Tores“ sei und auch mit angeblicher Baufälligkeit. Dass das Rieder Tor noch heute als eines der Wahrzeichen Donauwörths erhalten ist, ist v.a. dem Historischen Verein und „dem Denkmalschutz“ zu verdanken.

Zu diesem Thema nachstehend Auszüge aus 2 zeitgenössischen Artikeln, sowie ein diesbezüglicher Ausschnitt aus dem Festvortrag von Dr. Ottmar Seuffert „90 Jahre Historischer Verein Donauwörth und Umgebung“:

 

Franz Zell, Architekt und Volkskundler, Schriftleiter der Süddeutschen Bauzeitung (1902)

Schon wieder ein bedrohtes Städtebild

In No. 39 dieser Zeitschrift hatten wir Veranlassung, Front zu machen gegen die Verstümmelung eines niederbayerischen Städtchens, Vilsbiburg, bezw. ein Wort einzulegen zur Erhaltung eines dortigen, alten Stadtthors. Heute müssen wir schon wieder unsere Stimme erheben, um einzutreten für Bewahrung eines originellen Stadtthors, das auf Betreiben einiger Bürger abgebrochen werden soll.

Es ist das mächtige Riederthor in Donauwörth, das letzte noch erhaltene Stadtthor. Wuchtig steht es am Eingange zur Stadt, als Erinnerungszeichen, dass es einstens jedem Ansturm des Feindes getrotzt. Es erinnert an jene Zeiten, wo zwar ein einfaches, aber stolzes Bürgertum malerische Städte und mächtige Bauten schuf, umschlossen von Schutz und Trutz bietenden Mauern und gewaltigen Thoren. Ruhig und anspuchslos steht es noch als Markstein und volkstümliches Denkmal eines echten und recht deutschen Bürgertums des späten Mittelalters. Und nachdem das Riederthor Jahrhunderte lang seinen Zweck treu und redlich erfüllte, fällt es auf einmal einigen ein, es würde den Verkehr behindern und Luft und Licht könnten in die Stadt nicht eindringen! ….

Der Einwand, dass das übrigens genügend breite Thor ein Verkehrshindernis biete, ist von vornherein hinfällig, da durch geringfügig Aenderung leicht abgeholfen werden kann. Auch die vorgeschützte „Baufälligkeit“ wird leicht zu überwinden sein. Zudem soll vor dem Thor eine neue Brücke gebaut werden, wobei diese an die gegebene Baugruppe im Charakter leicht angepasst und dabei die allenfalls nötigen konstruktiven Massnahmen leicht vorgenommen werden könnten.

Nur wenige Städte erfreuen sich einer so reizenden malerischen Stadtbildes und solch fein abgewogener Silhouette wie gerade Donauwörth, und wir möchten gerade diese Stadt als eine Perle im Städtekranz Bayerns bezeichnen. Und hinwieder ist es gerade das Riederthor, das zur Hebung des malerischen Stadtbildes wesentlich beiträgt. Fällt das Thor, so sinkt damit der markante Abschluss einer hübschen malerischen Stadt, und die Schuldigen laden damit eine Verantwortung auf sich, die sie wohl niemals werden rechtfertigen können.

Zur Beruhigung aller Freunde poesievoller Städtebilder diene die Mitteilung, dass infolge eines Gutachtens des Generalkonservatoriums an höherer Stelle das Gesuch um Abbruch bereits mehrfach abfällig beschieden wurde, …

                                                              moechten-aber-die-bewohner

 

August Thiersch, Professor am  Kgl. Bayr. Polytechnikum in München für Baugeschichte und Bauformenlehre (1903):

Das Riedertor in Donauwörth

Die Stadt Donauwörth geht damit um, ihr letztes noch erhaltenes Stadttor abzureißen, um einen freieren Zugang zum Bahnhof zu schaffen, das Riedertor. Die Bürger der Stadt haben einen wahren Sturmlauf unternommen gegen ein Bollwerk, das sie einst vor feindlichen Angriffen geschützt hat, jetzt aber nur noch als Denkmal der Wehrhaftigkeit der alten Stadt dasteht. Von zwei Rundtürmen mit Spitzhauben eingefaßt, macht das Tor trotz macher Veränderungen, wie des Aufbaues eines Mansardendaches aus dem Jahr 1730, immer noch einen Achtung gebietenden Eindruck und ragt schon fast seltsam in die gleichgültige Umgebung der Neuzeit herein. Die Anklage lautet auf „Hinderung des Verkehrs“  …   Das Generalkonservatorium der Altertümer des Königreichs Bayern hat sich dann in einem ausführlichen Gutachten vom 20. April 1900 mit Entschiedenheit für die Erhaltung ausgesprochen. In Übereinstimmung damit hat auch die k. Kreisregierung das Gesuch der Stadt Donauwörth mit Entschließung vom 17. Oktober 1902 abgelehnt. Gleichwohl hat die Stadtvertretung neuerdings den Versuch gemacht, durch eine Deputation an das k. Staatsministerium die Abbrucherlaubnis zu erwirken, indem sie die Erneuerung der Brücke außerhalb des Tores als notwendig und unzertrennlich von der Beseitigung des Tores hinstellte. Da also Gefahr in Verzug war, hat sich die Vorstandschaft des Vereins für Volkskunst und Volkskunde zugleich mit dem Münchner Architekten- und Ingenieur-Verein an das k. Staatsministerium mit der Bitte gewendet, dem Gesuche der Stadtvertretung Donauwörths eine Folge nicht zu geben …  Möchten doch die Bürger Donauwörths selbst zur Einsicht kommen, daß sie besser tun, das wenige Alte zu erhalten und sich ihm auf irgend eine Weise anzupassen. [3]

                                                                       moegen-doch-die-buerger

 

 

Dr. Ottmar Seuffert, Donauwörther Stadtheimatpfleger und Stadtarchivar (1991):

… Geht man der Frage nach, warum gerade im Jahr 1900 in Donauwörth ein so starkes Interesse an der Stadtgeschichte spürbar wird, ja gar ernsthaft der Vorschlag zur Errichtung eines Museums gemacht wird, so stößt man unwillkürlich auf einen Streitpunkt, der die Bürger Donauwörths seit Beginn des Jahres 1900 nicht nur beschäftigt, sondern in hohem Maße auch entzweit haben muß, was nicht unwesentlich zum erwachenden historischen Interesse beigetragen hat. Es ist der beabsichtigte Abbruch des Rieder Tores. Dieses letzte erhaltene Stadttor sollte damals zugunsten besserer Verkehrsbedingungen in der Innenstadt fallen. Schon beim Ankauf des Rieder Tores durch die Stadt hatte das Kollegium der Gemeindebevollmächtigten nur unter der Auflage zugestimmt, daß man es abreißen könne. Der Magistrat der Stadt sprach sich in seiner Sitzung am 9.2.1900 allerdings mehrheitlich gegen den Abbruch aus, weil er darin keinen Beitrag zur Verschönerung der Stadt erblicken konnte und beim Argument mit dem Verkehrshindernis die Gemeindebevollmächtigten darauf verwies, daß jedem, dem das Rieder Tor zu eng sei, unbenommen bleibe, den Umweg über die fertiggestellte Wörnitzbrücke zu nehmen. Einigen konnten sich Magistrat und die Mitglieder der Gemeindebevollmächtigten auch nicht in einer gemeinsamen Sitzung beider städtischer Kollegien am 2. März 1900. Doch ließ der Magistrat durchblicken, daß er nur dann für einen Abbruch zu gewinnen sei, wenn dieser staatsaufsichtlich genehmigt würde. Erleichtert wurde ihm diese Haltung, da bereits ein Gutachten des Königlichen Landbauamtes gegen den Abbruch ausgefallen war. Gegen die Einholung weiterer Gutachten, wie von Donauwörther Magistrat, von seiten des Historischen Vereins von Schwaben und Neuburg oder des Königlichen Generalkonservatoriums in München gewünscht, sperrte sich das Kollegium der Gemeindebevollmächtigten ebenso wie gegen den Vorschlag des Stadtbauamtes, die Fuhrwerkspassage beim Rieder Tor zu erhöhen und einen Durchgang für Fußgänger zu schaffen. Als sich dann plötzlich auch der Magistrat der Stadt mehrheitlich für den Abbruch des Rieder Tores aussprach, sah sich der Bibliothekar des Cassianeum, Johannes Traber, zum Handeln veranlaßt.

Mit Schreiben vom 5. März 1900 hatte Traber dem Königlichen Generalkonservatorium der Kunstdenkmale und Alterthümer Bayerns in München den beabsichtigten Abbruch des Rieder Tores in Donauwörth mitgeteilt. Daraufhin besichtigte ein Beamter dieses Vorläufers des Bayerischen Amtes für Denkmalpflege, die es in Bayern als Institution erst seit 1917 gibt, das Rieder Tor, und der königliche Generalkonservator Dr. Hugo Graf (1897-1907) ließ Traber in seinem Schreiben aus München vom 1. April 1900 vorab wissen, daß seine Behörde für die Erhaltung des Riweder Tores eintreten werde. Gleichzeitig bat er ihn, historische Daten über das Tor respektive die Erbauungszeit der Stadtmauer und des wohl späteren Tores zusammenzutragen und … und baldgefälligst Mitteilungen hierüber zukommen zu lassen. Wir erlauben uns auch, heißt es weiter, den verbindlichsten Dank für die Nachricht über den beabsichtigten Abbruch, welche Ihrem höchst anerkennenswerten Interesse an der lokalen Geschichte Donauwörths entsprungen ist, auszusprechen.

Das Gutachten des Generalkonservatoriums vom 20. April 1900 äußert sich zur geplanten Niederlegung des Rieder Tores wie folgt: … der durch den Abbruch des Rieder Tores erhoffte Gewinn für den Verkehr muß geradezu als minimal bezeichnet werden. Um die Fahrbahn auf die Breite zu bringen, wie sie innerhalb des Tores etwa beim Gasthof Zur Krone ist, müßten außer dem Tor noch andere Gebäude fallen. Bei einer Verbreiterung nach Osten wäre noch das an den Turm anstoßende und zwei dahinterliegende Privathäuser abzubrechen, bei einer Verbreiterung nach Westen zu ein diesseits der Brücke stehendes Gebäude. Außerdem müßte die Brücke verbreitert werden. Es darf füglich bezweifelt werden, daß sich die Stadt wegen des Gewinns von circa 2,5 meter in der Breite der Fahrbahn auf eine relativ kurze Strecke die damit verbundenen enormen Kosten leisten wird, schrieb der Gutachter Dr. W. M. Schmidt am 20. April 1900. Diese Ausführungen zeigten in Donauwörth etwas Wirkung, wie aus dem am 5. Mai 1901 im Donauwörther Anzeigenblatt veröffentlichten „Magistratischen Sitzungsbericht“ hervorgeht, in dem es – äußerst vorsichtigt formuliert – heißt: “ Ohne der Frage über den Abbruch des Riederthorturmes vorgreifen zu wollen, beschließt der Stadtmagistrat für den Fall des Turm-Abbruches ein Projekt über Verschönerung der Turm-Umgebung und Voranschlag über Kosten des Turm-Abbruches anfertigen zu lassen.“

In der Diskussion um den Abbruch des Rieder Tores 1900 liegt also die wahre Ursache dafür, warum der zweite Versuch zur Vereinsgründung 1901 im Gegensatz zu 1887 diesmal gelingen sollte. … (Anmerkung: Dies bezieht sich auf die Gründung des Historischen Vereins für Donauwörth und Umgebung) [1]

Quellenangaben:

[1] Seufert, Ottmar: „Darf Donauwörth noch länger in den edlen, interessanten, vielseitig fruchtbaren historischen Beziehungen zurückbleiben?“, in: Mitteilungen des Historischen Vereins für Donauwörth und Umgebung, 1991, S. 10ff.

[2] Thiersch, August: „Das Riedertor in Donauwörth“, in: Volkskunst und Volkskunde, Jahrgang 1, Heft 1 (Januar 1903)

[3] Zell, Franz: „Schon wieder ein bedrohtes Städtebild“; in: Süddeutsche Bauzeitung, Nr. 49, XII. Jahrgang, 6.12.1902